Am 13.11.2009 fand die 39. Sitzung des Wissenschaftlichen Beirates vom Milchindustrie-Verband (MIV) in Hamburg unter der Leitung von Herrn Holtorf (Frischli Milchwerke GmbH) statt.
Als neues Beiratsmitglied begrüßte der Vorsitzende des MIV Herr Dr. Engel, Herrn Prof. Usleber, den Inhaber der Professur für Milchwissenschaften am Institut für Tierärztliche Nahrungsmittelkunde der Justus-Liebig-Universität Gießen.
Klima-Politik gewinnt an Bedeutung
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Die Veranstaltung unter Beteiligung zahlreicher Unternehmens- und Wis-senschaftsvertreter wurde mit dem Referat von Herrn Prof. Isermeyer, Präsident des vTI, Braunschweig eröffnet. Er stellte fest, dass die klassische EU-Milchmarktpolitik mit den vier Eckpfeilern: Importzölle, Exporterstattungen, Interventionspreise Milchquoten inzwischen ausgedient hat. Es ist davon auszugehen, dass die kürzlich mobilisierten Exporterstattungen beim nächsten WTO-Abschluss endgültig verschwinden werden. Prof. Isermeyer hält zudem die Option der kurz- und mittelfristigen Nutzung der Milchquotenregelung zur Anhebung der EU-Milchpreise auf dem Weltmarkt politisch für nicht mehrheitsfähig und sogar schädlich für die internationale Wettbewerbsfähigkeit des Sektors. Vielmehr werden die Auswirkungen der Klima-Politik künftig immer wichtiger und den Milchmarkt beeinflussen. So sei u. a. zu erwarten, dass die Politikdebatte auf die Besteuerung des Verbrauchs von Rindfleisch und Milchprodukten abstellt. Auch wird der Umgang mit dem knappen Faktor "Wasser" Thema sein. Hier könnte es von Vorteil sein, dass die Milchproduktion in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern dort stattfindet, wo es ausreichend Niederschlag gibt.
Gemeinschaftswerbung mit Zukunft?
Zur Effizienz und Wirksamkeit im Marketing und der Frage "Gemeinschaftsmarketing, was wird/wurde gewonnen, was geht verloren?" sprach Beiratsmitglied Herr Prof. Schmitz von der Justus-Liebig-Universität Gießen. Er kommt zu dem Ergebnis, dass Deutschland, nach dem BVerfG-Urteil und dem "Aus" der CMA, einen zunehmenden Wettbewerbsnachteil im Vergleich zu anderen EU-Mitgliedsstaaten erleidet, die über umfängliche Gemeinschaftswerbung verfügen. Als Lösung fordert er eine neue Private-Public-Partnership mit staatlicher finanzieller Unterstützung. Aus einer Übersicht zum Umsatz und Mittelaufkommen ausgewählter produktübergreifender Absatzför-derinstitutionen in der EU ergibt sich, dass der Anteil des Staates am Mittelaufkommen zwischen 5 % (Österreich), 16 % (Frankreich) bis zu 100 % (Niederlande) bei ca.13 (UK) bis 89 Mio. Euro (Frankreich) Förderung liegt. Prof. Schmitz wies zudem auf die Informations- und Absatzförderungsmaßnahmen für Agrarerzeugnisse auf dem Binnenmarkt, wie auch in Drittländern hin, die von der EU mit bis zu 50 % kofinanziert werden. Es bleibt abzuwarten, ob es national eine Nachfolge für die Gemeinschaftswerbung geben wird. Dieses wird maßgeblich von der staatlichen Unterstützung und einer freiwilligen Finanzierung durch die Landwirtschaft abhängen.
Peb: Kompetenz bei Übergewicht
Eine Gemeinschaftswerbung würde auch die Aussage "Fit mit Milch", der Herr Prof. Berg, Vorsitzender der Plattform Ernährung und Bewegung (peb) nachging, darstellen. Er machte deutlich, dass Milch und Milchprodukte gesundheitspolitisch einen hohen Stellenwert haben und dass sich der Slogan "Fit mit Milch" auf spezifische Milchbestandteile bezieht, mit positiven Auswirkungen auf Fitness, Leistungsfähigkeit, Körperzusammensetzung und Gewichtskontrolle. Er sprach kontrollierte Studien an, aus denen hervorgeht, dass Milch und Milchprodukte helfen, Muskeln aufzubauen, die Regeneration und den Flüssigkeitsausgleich zu unterstützen sowie die Ausdauerleistung zu erhöhen. In der Diskussion wurde in diesem Zusammenhang allerdings auf die Notwendigkeit differenzierter klinischer Studien unter Berücksichtigung der Health-Claims-Bewertungen der EFSA hingewiesen. In Zusammenhang mit der peb-Mitgliedschaft des MIV und der industriellen Projektfinanzierung wies Herr Holtorf auf die Bedeutung der Transparenz bei der peb-Arbeit hin. Peb sollte als gesamtgesellschaftliche Organisation in Zusammenhang mit dem Thema Übergewicht ein Kompetenzzentrum sein.
MAP: Landwirtschaft gefordert
Herr Prof. Usleber (Universität Göttingen) sprach die Möglichkeiten, Perspektiven und Grenzen beim Nachweis von Mycobacterium paratuberculosis (MAP) in Milch und Milcherzeugnissen an. Der Keim MAP tritt bei der John`schen Erkrankung bei Rindern auf. Ein ursächlicher Zusammenhang mit der Morbus Crohn Erkrankung des Menschen ist nicht bewiesen. Evtl. vorhandene einzelne MAP Erreger werden durch die Erhitzung in hohem Maße abgetötet. Milch und Milchprodukte sind deshalb unbedenklich. Der analytische Nachweis von MAP ist heute immer noch schwierig wegen des langen Wachstums in Kulturmedien, der Neigung zur Aggregatbildung, methodischen Unzulänglichkeiten sowie geringer Spezifität. Herr Prof. Usleber kommt, wie auch andere Fachleute zu dem Ergebnis, dass die konsequente Tilgung von MAP in den Rinderbeständen zwar ideal, aber aufgrund des sehr langen Zeitraums und des enormen Kostenaufwands letztlich kaum realisierbar wäre. Ziel sollte auf landwirtschaftlicher Ebene eine Minimierung im Rahmen des Hygienemanagements sein.
Funktionalitäten für neue Ingredienzien
Neue Wege der Gestaltung von Milchprodukten, Möglichkeiten der Veredelung durch gezielte Beeinflussung der Funktionalität zeigte Herr Prof. Kulozik (TU München, ZIEL, Lebensmittelverfahrenstechnik und Molkereitechnologie) auf. Ausgehend von nativen Proteinen wurden gezielte Modifikationen der Proteinstruktur mit Hilfe thermischer und enzymatischer Verfahren vorgestellt, um zu neuen bzw. veränderten technologischen Produkteigenschaften zu kommen. Das Ergebnis können neuartige Lebensmittel-Ingredienzien, wie z.B. mikropartikuliertes Molkenprotein, Mikrokapseln aus Milchproteinen, optimierte Schaum-, Emulsions- und Geleigenschaften sowie neue Gelbildungsmechanismen und Gelstrukturen sein.
BVL als nationale Risikomanagement-Stelle gefordert
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Herr Dr. Tschiersky-Schöneburg, Präsident des BVL (Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit) stellte die künftigen Entwicklungen im Risikomanagement vor. Aufgabe des BVL ist die landesweite Koordination bzgl. Gesetzgebung und der Datentransfer von den Ländern an das BVL. Hinzu kommt der Bereich des Risikomanagements sowie der Kommunikation, im Rahmen dessen auch die Koordination der Aktivitäten bis nach Brüssel stattfindet. Dazu gehört es, Nationaler Ansprechpartner im Rahmen des europäischen Schnellwarnsystems zu sein. Im Jahr 2009 gab es EU-weit bisher 2.454 Schnellwarnungen, davon allein 2.319 bei Lebensmitteln. Dr. Tschiersky-Schöneburg forderte einen weltweiten Ausbau der Rückverfolgbarkeit auf Basis der EU-Bestimmungen. Das BVL stellt sich eine Inventarisierung und Beschreibung von Warenströmen vor. Hierbei ist u. E. allerdings zu berücksichtigen, dass diese einer laufenden Anpassung im globalen Wirtschaftsgeschehen unterliegen. Die zukünftige Entwicklung des Risikomanagements sieht er in der Weiterentwicklung der koordinierenden Aufgaben, Erschließung aktueller Themen der Lebensmittelsicherheit, Fortführung des globalen Ansatzes, Durchführung von Forschungs- und Entwicklungsvorhaben sowie dem Aufbau des Informations- und Wissensmanagements. Vom MIV wurde in der Diskussion erneut eingefordert, dass das BVL Schnellwarnungen aus Brüssel parallel zum betroffenen Bundesland auch an das betroffene Unternehmen weiterleitet, mit dem Ziel der Schadensminimierung.
VIG im Spannungsfeld Verbraucher/Industrie
Im rechtlichen Teil fragte Herr Prof. A. H. Meyer (TU München) "Verbraucherinformationsgesetz (VIG) – Quo vadis?". Ziel des Gesetzes ist u. a. die Verbesserung der Verbraucherinformationsrechte und eine Erhöhung der Markttransparenz. Von Mai 2008 bis Mai 2009 gab es insgesamt 475 Anfragen. Die Kritik der Verbraucherzentrale besagt u. a., dass die Informationen der Behörden zumeist nutzlos sind, auf Länderbehörden verwiesen wird, Unzuständigkeiten vorlagen, die Verfahrensweise umständlich ist und bei der Anhörung der betroffenen Unternehmen die Verfahrensdauer von mehr als 3 Monaten zu lang sei. Aber auch Seitens der Lebensmittelwirtschaft resultieren Forderungen. So muss der Begriff "Verstöße" i. S. von § 1 VIG präzisiert werden und es sollten keine Auskünfte während eines laufenden Verwaltungsverfahrens gefordert werden dürfen. Außerdem ist die Richtigkeit und Verständlichkeit der Informationen sicherzustellen, wobei es ggf. eine Haftung bei Fehlinformationen geben sollte. Es sollte auch eine Verpflichtung, auf anderslautende Gutachten zur Gegenprobe hinzuweisen, aufgenommen werden. Die weiteren Diskussionen werden sich in diesem Spannungsfeld bewegen.
GMO-Mais: kein Transfer in Milch
Welchen Einfluss hat der langfristige Einsatz von GMO-Mais bei der Fütterung der Milchkühe? Hierauf fand Herr Prof. H. H.D. Meyer (TU München, ZIEL, Physiologie) eine klare Antwort. Eine Fütterungsstudie an 36 Tieren führte zu insgesamt etwa 30.000 Einzelergebnissen in den Bereichen Fütterung, Nährstoffäquivalenz, Milchleistung, Stoffwechsel, Tiergesundheit sowie Fruchtbarkeit. Hinzu kommen zahlreiche Befunde zur Verstoffwechslung der gentechnischen DNA und des gentechnisch-veränderten Proteins. Die 25-monatige Studie ergab eine Gleichheit/Äquivalenz des Futterwertes von nicht transgenem Mais und transgenem Mais. Es resultierte kein Einfluss auf Stoffwechsel, Tiergesundheit sowie Leistung. Herr Prof. Meyer fasste zusammen, dass auch bei hoher Beprobungsintensität und äußerst sensitiver Nachweisgrenze der Methode keinerlei Hinweise auf einen Transfer transgener Komponenten in das Lebensmittel Milch existieren. Milch von Kühen nach Verfütterung von herkömmlichem Mais oder transgenem Mais ist zu keinem Zeitpunkt unterscheidbar.
Zu Konzentrationsfolgen an Märkten
Herr Prof. Brümmer von der Universität Göttingen (Agrarökonomie) informierte über die Preisbildung an den internationalen Märkten für Milchprodukte. In seiner Studie machte er zur Marktstruktur deutlich, dass eine Konzentration an sich nicht negativ ist, bedeutet sie doch u. a. die Ausnutzung von Vorteilen der Massenproduktion, Synergien in der Werbung sowie Vorteile bei der Marken-Positionierung. Allerdings stellt sich auch die Frage des eventuellen Missbrauchs durch Ausnutzung von Marktmacht international. Er sieht einen unvollkommenen Wettbewerb auf den internationalen Märkten und die Ausnutzung von Marktmacht als wahrscheinlich an. So hängt die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit bei Exporteuren an der internationalen Verwertung. Insbesondere Ozeanien und die Europäische Union, in Einzelfällen zudem die USA und Exporteure von Milcherzeugnissen aus der ehemaligen Sowjetunion treten als maßgebliche Wettbewerber auf den Importmärkten auf. Ein weiterer Rückgang der EU-Marktanteile wäre hierbei bedenklich, so der Referent.
CO2-Kennzeichnung bei tierischen Erzeugnissen abzulehnen
Herr Prof. Flachowsky (FLI Braunschweig, Tierernährung) sprach abschließend das aktuelle Thema Carbon-Footprint für Milch in Abhängigkeit von verschiedenen Einflussfaktoren an. Steigende CO2-Emissionen und deren Konzentration in der Atmosphäre sind der Hintergrund der Diskussion über eine CO2-Kennzeichnung und so die Sensibilisierung von Erzeugern und Verbrauchern. Es zeigt sich, dass Wiederkäuerprodukte durch die unvermeidbare Methanemission aus dem Pansen und des hohen Treibhausfaktors für Methan höhere Footprints aufweisen, als Lebensmittel von Nichtwiederkäuern. Zahlreiche Einflussfaktoren, wie Bezugsbasis und jahreszeitliche Schwankungen erschweren heute "belastbare" Aussagen zur Höhe des CO2-Footprints. Deshalb sieht Herr Prof. Flachowsky umfangreichen Forschungsbedarf. Auf jeden Fall sind vor einer Kennzeichnung der Lebensmittel bzw. einem Handel mit Emissionsrechten bei der Erzeugung von tierischen Lebensmitteln weitere Untersuchungen und methodische Abstimmungen nötig.
Resümee
Insgesamt zeichnete sich diese Sitzung wieder durch sehr angeregte Diskussionen zwischen Wissenschaft und Molkereipraxis zu den verschiedensten Themen aus. Die breite Abdeckung der Mitglieder des Wissenschaftlichen Beirats gewährleistet für die Molkereien die in der täglichen Arbeit benötigte Expertise und ist daher ein bedeu-tendes Gremium im wissenschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Handeln. Die Kenntnis wissenschaftlicher Fakten und der Umgang mit diesen ist dabei unerlässliche Grundlage der Lebensmittel- und Prozesssicherheit, Rechtsetzung, Produktentwicklung, Risikokommunikation und wirtschaftlichen Ausrichtung.
Gruppenfoto der Referenten und Vorsitzenden
Sitzung des Wissenschaftlichen Beirates am 13.11.2009 in Hamburg
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(v.l.): Professoren Usleber, RA Meyer, Berg, Dr. Karl-Heinz Engel (Vorsitzender MIV), Meyer (TU München), Hans Holtorf (Vorsitzender AG Qualität und Produktsicherheit MIV), Isermeyer, Kulozik, Schmitz, Flachowsky
Informationen und Kontakt:
Milchindustrie-Verband e.V.
Dr. Gisela Runge
Jägerstraße 51
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Telefon 030/ 40 30 44 5-19
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E-Mail:gisela.runge@milchindustrie.de