Brüssel, 23. März 2009 – Wissenschaft, Politik und Industrie sehen in der Diskussion um die Rolle der Milchwirtschaft beim Klimawandel und der Welternährung noch viel Aufklärungsbedarf. Die immer wieder versuchte Stigmatisierung der Milchkuh als Klimakiller ist zum einen völlig unberechtigt und zum anderen wissenschaftlich nicht haltbar. Weitergehende Informationen und Forschungen sind erforderlich, um ein objektives Bild zur Rolle der Milchwirtschaft in der Öffentlichkeit zu diesem Themenkomplex zu zeichnen.
Darin waren sich die hochrangigen Diskussionsteilnehmer des zweiten Milchgipfels des Milchindustrie-Verbandes e.V. (MIV) am 18. März 2009 in Brüssel einig, der unter dem Motto "Die Milchwirtschaft zwischen Weltklima und Welternährung" stand. Die fachlichen Ausführungen von Prof. Dr. Schwerin (Dummerstorf) diskutierten neben den beiden Landesministern, Dr. Backhaus (Mecklenburg-Vorpommern) und Ehlen (Niedersachsen), und dem MIV-Vorsitzenden Dr. Engel noch MdEP Florenz sowie Herr Prof. Dr. Borchardt, stellvertretender Kabinettschef von Agrarkommissarin Fischer Boel.
(v.l.n.r.: Prof. Dr. Schwerin, Dr. Schaps, Minister Dr. Backhaus, Dr. Engel, MdEP Florenz, Minister Ehlen, Prof. Dr. Borchardt © V. Günther)
Zu der Veranstaltung im Brüsseler Informationsbüro Mecklenburg-Vorpommern, zu der der MIV gemeinsam mit den Landesvertretungen Niedersachen und Mecklenburg-Vorpommern geladen hatte, konnte Minister Dr. Backhaus als Hausherr etwa 160 prominente Gäste aus Politik, Verwaltung und Parlament begrüßen. In seiner Ansprache machte er deutlich, dass Wirtschaft und Politik gemeinsam nach Lösungen der anstehenden Probleme suchen und die Landwirte dabei mitgenommen werden müssten. Gerade in Mecklenburg-Vorpommern stelle die Landwirtschaft – und hier die Milchwirtschaft – den bedeutendsten Wirtschaftszweig des Bundeslandes dar. Backhaus betonte in diesem Zusammenhang, dass Milchstreiks keine Lösung für die Zukunftsherausforderungen sein können.
Worin u. a. diese Herausforderungen bestehen, machte der anschließende Fachvortrag von Prof. Dr. Schwerin deutlich. So standen 2008 weltweit erstmalig den 1 Mrd. hungernder Menschen auch 1 Mrd. übergewichtiger Menschen gegenüber. Einleitend hob er die fundamentale Bedeutung des tierischen Eiweißes für die menschliche Ernährung hervor. Milchprotein werde dabei weiterhin die wichtigste Quelle für tierisches Eiweiß bleiben und den Schlüssel für den Kampf gegen den Hunger darstellen. Gerade in den Schwellenländern nehme der Bedarf an tierischem Eiweiß in Zukunft deutlich zu. Milchproduktion ermögliche hierbei eine Flächen schonende und emissionsärmere Bereitstellung von tierischem Eiweiß, wie in den gezeigten Berechnungen deutlich wurde. Doch sei hier nach Aussage des Fachredners noch eine große Forschungstätigkeit erforderlich.
Für die Generaldirektion Landwirtschaft der EU-Kommission machte Herr Prof. Dr. Borchardt deutlich, dass sich die Landwirtschaft mit dem Klimawandel auseinander zusetzen habe. Schließlich sei sie als erstes davon betroffen und habe zudem ein großes Interesse daran, die negativen Auswirkungen so gering wie möglich zu halten. Der Landwirtschaft komme zu Gute, dass anders als in Kampagnen behauptet, nicht die Nutztiere für den Klimawandel verantwortlich seien. Zudem stehe die Landwirtschaft in der Gesamt-Klimabilanz positiv da. Gerade bei der Grünlandhaltung würden mehr Klimagase gebunden als ausgestoßen. Statt Kampagnen böten Forschung und Innovation die Lösung des Problems.
Der Europaabgeordnete Florenz betonte ebenfalls die Notwendigkeit für die Landwirtschaft, sich mit den Klimafragen zu befassen. Sie müsse deutlich machen, dass die Kuh nur einen geringen Anteil am Klimawandel habe. Der Klimagipfel in Kopenhagen Ende des Jahres böte die Chance, andere Länder einzubinden und die Vorreiterrolle Europas dank Innovationen sichtbar zu machen. Zudem dürfe man die Frage des Klimawandels nicht unabhängig von der Frage der Rohstoffknappheit behandeln.
Dass sich deutsche Milchwirtschaft ernsthaft mit den Fragen des Klimas auseinandersetzt, stellte der MIV-Vorsitzende, Dr. Karl-Heinz Engel, nachdrücklich heraus. Die hohe Energieeffizienz der deutschen und europäischen Milchindustrie könnte einen Wettbewerbsvorteil im Hinblick auf den weltweit steigenden Proteinbedarf darstellen, zurzeit sei aber auf dem Weltmarkt allein der Preis ausschlaggebend. Zudem machte der Vorsitzende des MIV auf das Wasserproblem aufmerksam. So werde etwa für die Milchproduktion im arabischen Raum im Vergleich zu Europa die über hundertfache Menge an Wasser für die Erzeugung eines Liter Milch benötigt. Deutlich wendete er sich gegen eine Klimakennzeichnung auf Lebensmitteln, da diese sich allein auf die CO2-Angabe reduziere und andere, auch positive Aspekte außen vor lasse. Generell sei eine differenzierte Betrachtung des Klimaproblems erforderlich.
Abschließend unterstrich der niedersächsische Minister Ehlen die gewonnenen Erkenntnisse. Mit der Kuh sei ein Schuldiger ausgemacht worden und dadurch erscheine das Problem nicht mehr so groß. Dies sei aber der falsche Ansatz und zudem der falsche Schuldige. Hinsichtlich der Klimabilanz der Lebensmittelwirtschaft gäbe es noch viele ungenutzte Stellschrauben, etwa die Frage des Wegwerfens von Lebensmitteln (20-30 % aller Lebensmittel) und die Einbeziehung anderer Länder außerhalb der EU und USA, die große Viehbestände hätten - etwa China und Indien -, in Innovations- und Effizienzförderung.
Alle Redner waren sich einig, dass eindeutig die Milchkuh nicht für den Klimawandel verantwortlich gemacht werden könne. Dennoch müsse sich aber die Landwirtschaft allgemein und die Milchwirtschaft im Besonderen offensiv mit dem Thema Klimawandel beschäftigen. Nur so könne gewährleistet werden, dass einerseits ihre positiven Beiträge Berücksichtigung finden und andererseits die notwendigen Innovationen und Effizienzsteigerungen gewährleistet werden, um die Klimabilanz dieses Sektors noch weiter zu verbessern.
Der Milchindustrie-Verband e.V. (MIV) repräsentiert rund 100 leistungsstarke, mittelständische Unternehmen. Diese stellen mit einem Jahresumsatz von rund 22 Milliarden Euro den größten Bereich der deutschen Ernährungsindustrie dar.
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